Fressnapf, Zooplus und der DACH-Heimtier-Markt 2026: Anatomie einer 6,5-Mrd-Branche
Mit rund 6,5 Milliarden Euro Umsatz ist der DACH-Heimtier-Markt 2026 dreimal so groß wie 1995. Zwei Unternehmen dominieren ihn: die 1990 in Krefeld gegründete Fressnapf-Gruppe und der 1999 in München gestartete Onlinehändler Zooplus. Ihre Geschichten erzählen den Strukturwandel einer Branche, die durch Pandemie, Konsolidierung und Plattform-Ökonomie geprägt ist.
Der Heimtier-Markt ist ein stiller Riese der DACH-Konsumgüterwirtschaft. Mit einem geschätzten Volumen von rund 6,5 Milliarden Euro 2026 — verteilt auf etwa 5 Milliarden in Deutschland, 800 Millionen in Österreich und 700 Millionen in der Schweiz — übertrifft er inzwischen einzelne Segmente wie den Markt für Spielwaren oder den klassischen Schreibwarenhandel. Getragen wird dieses Wachstum von rund 34,3 Millionen Heimtieren in deutschen Haushalten, davon laut der jährlichen IVH/ZZF-Heimtierstudie 2025 rund 16,7 Millionen Katzen, 10,6 Millionen Hunden, 4,6 Millionen Klein-Säugetieren wie Kaninchen, Meerschweinchen und Hamstern sowie etwa 4,9 Millionen Zierfischen und Ziervögeln. In rund 47 Prozent der Haushalte lebt mindestens ein Heimtier, ein Spitzenwert in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Hinter diesen Zahlen stehen Strukturen, die sich in den vergangenen 35 Jahren grundlegend verschoben haben.
Fressnapf: vom Krefelder Familienbetrieb zur DACH-Kette
Als Torsten Toeller 1990 in Erkelenz bei Krefeld den ersten Fressnapf-Markt eröffnete, war der deutsche Zoofachhandel eine Welt der Inhaber-geführten Einzelläden mit durchschnittlich 80 bis 150 Quadratmetern Verkaufsfläche. Toeller, damals Mitte zwanzig, übertrug das Discount-Format aus dem Lebensmittel-Einzelhandel auf das Heimtiersegment: große Flächen ab 400 Quadratmetern, breites Sortiment, scharf kalkulierte Preise, schnelle Bestandsdrehung. Die Expansion verlief rasant. 1992 gab es bereits 25 Filialen; 1995 wurde mit Maxi Zoo die internationale Tochter gegründet, die zunächst in Belgien startete und in den Folgejahren Frankreich, Italien, Polen, Tschechien, die Slowakei und Spanien erschloss. Stand 2026 betreibt die Fressnapf-Gruppe rund 2.000 Filialen in elf europäischen Ländern, davon etwa 1.000 in Deutschland, 145 in Österreich und 70 in der Schweiz. Maxi Zoo zählt zusätzlich rund 800 Märkte außerhalb des deutschsprachigen Raums.
Wirtschaftlich gehört Fressnapf zu den größten privat geführten Unternehmen in DACH. Der Konzernumsatz lag 2024 bei 3,8 Milliarden Euro; für 2025 wurden rund 4,1 Milliarden Euro berichtet. Die Belegschaft umfasst etwa 14.000 Mitarbeiter:innen. Toeller hält weiterhin die Mehrheit am Unternehmen; eine Öffnung für externe Investoren oder einen Börsengang hat er mehrfach öffentlich ausgeschlossen. Strategisch verfolgt Fressnapf seit Mitte der 2010er Jahre eine Plattform-Strategie: Die Filialen sollen mit dem Onlineshop, der App und einem Loyalitätsprogramm verschmelzen, das in DACH auf rund 25 Millionen registrierte Mitglieder kommt. Auch der Bereich Tierarzt-Services — über die Beteiligung an einer Tierklinik-Kette — ist seit 2022 Teil der Konzernstrategie. Eigenmarken wie Real Nature, Select Gold und Multifit erreichen je nach Warengruppe Anteile zwischen 35 und 60 Prozent am Sortiment.
Zooplus: der europäische Online-Pionier
Während Fressnapf das stationäre Großflächenformat etablierte, entstand 1999 in München parallel ein anderes Modell. Cornelius Patt, ein ehemaliger Unternehmensberater, gründete Zooplus als reinen Versandhändler — eine zu jener Zeit ungewöhnliche Wette, da der Versand schwerer Tierfutter-Verpackungen kalkulatorisch grenzwertig war. Patt setzte auf Effizienz im Versandzentrum, Skalierung des Sortiments und Direktansprache der Halter:innen über das damals junge Web. Der erste Onlineshop ging im Mai 2000 live; bereits 2008 erreichte das Unternehmen einen Umsatz von 100 Millionen Euro. Der Börsengang an der Frankfurter Wertpapierbörse erfolgte 2008; in den Folgejahren wuchs Zooplus zur größten Online-Plattform für Heimtierbedarf in Europa heran. Die Verteilzentren in Hörselgau (Thüringen), Tilburg (Niederlande), Mlada Boleslav (Tschechien) und weiteren Standorten bedienen heute rund 30 europäische Länder.
Die entscheidende Zäsur erfolgte 2021. Im August jenes Jahres unterbreiteten die Finanzinvestoren Hellman & Friedman zunächst und kurz darauf gemeinsam mit EQT ein Übernahmeangebot in Höhe von rund 3,7 Milliarden Euro. Die Aktionäre stimmten zu; das Delisting von der Frankfurter Börse wurde 2022 vollzogen. Seither agiert Zooplus als nicht-börsennotiertes Unternehmen unter Private-Equity-Eignerschaft. Cornelius Patt schied 2017 aus der operativen Geschäftsführung aus; an die Spitze rückten zunächst Geoffroy Lefebvre, später weitere Manager:innen aus dem internationalen E-Commerce. Stand 2026 weist Zooplus rund 8,5 Millionen aktive Kund:innen aus und einen geschätzten Umsatz von rund 2,5 Milliarden Euro. Die Eigenmarken Bozita, Smilla, Wolf of Wilderness, Concept for Life sowie die Discount-Linie Bitiba haben in mehreren Warengruppen Marktanteile zwischen 25 und 50 Prozent erreicht.
Konkurrenz, Konsolidierung, Verschiebungen
Neben den beiden Branchenführern existiert ein vielfältiges Feld weiterer Marktteilnehmer. Im stationären Handel sind Das Futterhaus (Gründung 1986, rund 470 Filialen, davon etwa 70 als Franchise in Österreich), Kölle-Zoo (gegründet 1956 in Stuttgart, rund 60 Filialen mit Schwerpunkt Aquaristik), Megazoo (Gründung 1988, rund 30 Filialen), Pet’s Deli (E-Commerce mit stationären Ankerstandorten) sowie der genossenschaftliche Verbund ZooRoyal (Rewe-Tochter) zu nennen. Der inhabergeführte Zoofachhandel, der noch 2000 rund 55 Prozent des stationären Umsatzes ausmachte, ist auf etwa 20 Prozent geschrumpft; viele unabhängige Händler:innen haben sich in Einkaufsverbünden wie der TFD Tierfutter-Direktwerbe-Gesellschaft oder der ZooMarkt-Gruppe organisiert. Im Online-Bereich operieren Amazon (mit einer wachsenden Eigenmarke Amazon Basics Pet), Shop-Apotheke (mit ihrer Heimtier-Sparte) und kleinere Spezialanbieter wie Bitiba (Zooplus-Tochter), Petsbest und Tackenberg, der sich auf BARF-Frischmenüs spezialisiert hat.
Die Lebensmitteleinzelhandelsketten haben ihre Heimtier-Sortimente in den vergangenen Jahren ausgebaut. Edeka, Rewe, Aldi Nord und Süd, Lidl, Kaufland und Netto erwirtschaften gemeinsam einen Anteil von rund 28 Prozent am DACH-Heimtierfutter-Markt, vorwiegend mit Eigenmarken im mittleren und unteren Preissegment. Apotheken und Tierarztpraxen bilden ein eigenes Segment für Spezialfutter und Diätfutter; hier dominieren multinationale Konzerne wie Royal Canin (Mars Petcare), Hill’s Pet Nutrition (Colgate-Palmolive) und Purina ProPlan (Nestlé), die zusammen rund 70 Prozent des Spezial- und Diätsegments halten.
Verbände, Studien, Zahlen
Zwei Institutionen prägen die deutsche Markttransparenz. Der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe (ZZF), 1951 in Wiesbaden gegründet, vertritt rund 1.100 Mitgliedsunternehmen aus Zoofachhandel, Aquaristik, Zucht und Dienstleistung. Der Industrieverband Heimtierbedarf (IVH), 1980 ebenfalls mit Sitz in Wiesbaden gegründet, organisiert rund 70 Hersteller von Heimtierfutter und Zubehör, die zusammen rund 90 Prozent des deutschen Produktionsvolumens abdecken. Beide Verbände publizieren gemeinsam seit 1991 die jährliche „Heimtierstudie”, die zur zentralen Referenz für Marktentwicklung, Halter:innen-Demografie und Konsumverhalten geworden ist. Die Erhebung erfolgt in Zusammenarbeit mit Skopos, IPSOS und der GfK. Ergänzt werden die Daten durch die Branchenanalysen des Statistischen Bundesamtes und durch die Marktforschungsinstitute Nielsen und Mintel.
Für das Berichtsjahr 2024 weist die IVH/ZZF-Studie folgende Segmente aus: Heimtierfutter rund 4,1 Milliarden Euro Umsatz in Deutschland, davon Hundefutter rund 2,1 Milliarden, Katzenfutter rund 1,7 Milliarden, Klein-Säuger- und Vogel-Futter rund 200 Millionen, Zierfisch-Futter rund 100 Millionen. Hinzu kommen Bedarfsartikel — von Körbchen über Spielzeug, Hygieneartikel und Aquaristik-Technik — mit rund 900 Millionen Euro. Dienstleistungen wie Tierarzt-Besuche, Tierpensionen, Hundeschulen und Tier-Bestattung erweitern den Gesamtmarkt deutlich; ihr Volumen wird auf weitere 8 bis 9 Milliarden Euro geschätzt, ist jedoch statistisch schwerer zu erfassen.
Pandemie, Wachstumswelle und nachfolgende Normalisierung
Die Jahre 2020 bis 2022 markieren eine Sonderkonstellation. Die Pandemie führte in DACH zu einer auffälligen Anschaffungswelle: Allein 2020 wurden in Deutschland nach Schätzungen des Verbandes für das Deutsche Hundewesen rund eine Million zusätzliche Hunde in die Haushalte aufgenommen, ein Phänomen, das international als „Pandemic Pet Boom” bekannt wurde. Der Markt wuchs in diesen Jahren mit Raten von acht bis zwölf Prozent jährlich, deutlich über dem langjährigen Trend von rund vier Prozent. Ab 2023 setzte eine Normalisierung ein. Die Anschaffungszahlen sanken auf das Vorpandemie-Niveau zurück; gleichzeitig kamen erste Berichte über erhöhte Abgaben in Tierheimen — was die Tierheime selbst differenziert kommentieren: Die Welle der Abgaben sei real, jedoch nicht so dramatisch ausgefallen wie befürchtet. Marktstatistisch hat sich der Boom in einem dauerhaft höheren Bestand niedergeschlagen, der die Nachfrage in den Folgejahren stabilisierte.
Strukturell zeichnen sich für 2026 mehrere Trends ab. Premiumisierung — also der Trend zu hochpreisigen, getreidefreien, kaltgepressten oder funktionalen Futtermitteln — hält an und wird in der IVH-Studie als „Humanisierung” beschrieben. Nachhaltigkeit gewinnt an Bedeutung: Insektenproteine, alternative Proteinquellen und reduzierte Verpackungen drängen in das Sortiment. Tiergesundheits-Dienstleistungen, ergänzt um digitale Anwendungen wie Tele-Tierarzt-Plattformen, expandieren. Schließlich verschiebt die Konsolidierung im stationären Handel die Branche weiter in Richtung der großen Ketten. Ob diese Verschiebung den verbleibenden inhabergeführten Fachhandel auf Dauer auf ein Spezialitätenmodell zurückwerfen wird oder ob digitale Werkzeuge auch dem kleinen Handel neue Wege eröffnen, sei eine offene Frage. Das DACH-Heimtier-Geschäft 2026 erscheint, anders als noch vor zehn Jahren, als reife Branche mit klaren Polen und gleichzeitig mit anhaltender Bewegung an den Rändern.