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Futter · Mai 2026

BARF seit den 1990ern: Wie Ian Billinghurst die Roh-Trocken-Debatte ins DACH brachte

Mit „Give Your Dog A Bone" eröffnete der australische Tierarzt Ian Billinghurst 1993 eine Fütterungsdebatte, die im DACH-Raum bis heute polarisiert. Rund acht Prozent der Hunde werden 2026 nach BARF-Prinzipien ernährt — gegen den Mainstream von Trocken- und Nassfutter und gegen die Mehrheit der Tierärzteschaft.

Wenn in deutschsprachigen Hundeforen das Akronym BARF fällt, gerät die Diskussion regelmäßig in Bewegung. Es steht für „Biologisch Artgerechte Rohfütterung” — eine Eindeutschung des ursprünglich englischen „Bones and Raw Food” — und beschreibt eine Ernährungsphilosophie, die rohe Muskelfleisch-, Knochen-, Innereien- und Pflanzenanteile zu einer am Beutetier-Schema orientierten Tagesration kombiniert. Erfinder dieser Strömung ist der australische Tierarzt Ian Billinghurst, geboren 1953, Absolvent der University of Sydney und langjähriger Praktiker im ländlichen New South Wales. Sein 1993 erschienenes Buch „Give Your Dog A Bone” gilt als Gründungsdokument; der Nachfolger „Grow Your Pups With Bones” (1998) und das systematisierende Werk „The BARF Diet” (2001) gelten in der Szene als kanonisch.

Die These Billinghursts und ihre Rezeption

Billinghurst argumentierte, der domestizierte Haushund stamme genetisch vom Wolf ab und sei trotz rund 15.000 Jahren Koevolution mit dem Menschen primär ein Karnivor geblieben. Seine Verdauungsphysiologie — kurzer Darm, hoher Magensäure-pH-Wert, kräftige Kaumuskulatur, fehlende Speichelamylase in nennenswerter Aktivität — sei auf rohe tierische Kost ausgelegt. Industriell gefertigtes Trockenfutter, das ab den 1950er Jahren in den USA und seit den 1970ern auch in Europa marktbeherrschend wurde, sei eine Fehlentwicklung, die zu chronischen Erkrankungen wie Adipositas, Allergien, Zahnstein, Hauterkrankungen und entzündlichen Darmerkrankungen beitrage. Billinghursts Empfehlung lautete, etwa 60 bis 80 Prozent der Ration aus tierischen Bestandteilen — überwiegend Muskelfleisch, dazu fleischige Knochen, Innereien wie Leber und Niere — und 20 bis 40 Prozent aus pürierten Pflanzenkomponenten zusammenzusetzen, ergänzt um Eierschalenpulver, Lebertran, Algenmehl und Pflanzenöle als Mikronährstoffquellen.

Die Rezeption im DACH-Raum setzte mit deutlicher Verzögerung ein. Erste deutschsprachige Übersetzungen Billinghursts erschienen Ende der 1990er, gefolgt von eigenständigen DACH-Werken. Swanie Simon prägte ab 2003 mit ihrem „BARFers Wahnsinn” die deutschsprachige Praxisliteratur, Julia Fritz publizierte ab 2010 stärker ernährungswissenschaftlich grundierte Bücher. Über die Internetforen frühen 2000er-Jahre verbreitete sich die Methode in einer Halter:innen-Szene, die explizit gegen die Vormachtstellung der großen Futtermittelhersteller positionierte. Heute existieren rund 40 deutschsprachige BARF-Onlineshops, dazu Hofläden, Bio-Metzgereien und spezialisierte Tiefkühl-Lieferdienste. Marktbeobachtende schätzen, dass 2026 etwa acht Prozent der Hunde in Deutschland überwiegend roh gefüttert werden; in Österreich liege der Anteil bei rund sechs Prozent, in der Schweiz bei etwa neun Prozent. Bei Katzen, die als obligate Karnivoren physiologisch noch stärker auf tierische Kost angewiesen sind, liegt der BARF-Anteil bei lediglich vier Prozent — ein Indiz dafür, dass die Methode bei Katzenhalter:innen weniger leicht in den Alltag zu integrieren ist.

Die Roh-Trocken-Debatte: zwei Lager, ein Gegenstand

Die DACH-Heimtierfutterstatistik zeigt für 2025 folgende Marktanteile bei Hundefutter: rund 55 Prozent Trockenfutter, 35 Prozent Nassfutter, acht Prozent BARF und Frischfütterung, zwei Prozent Mischformen wie halbfeuchte Futter oder Kochrationen. Die Polarisierung zwischen Befürworter:innen und Skeptiker:innen ist auffallend stabil. BARF-Halter:innen führen typischerweise an, dass ihre Hunde glänzendes Fell, geringeren Zahnstein, festeren Kot, weniger Mundgeruch und ein verbessertes Allgemeinbefinden zeigten; Allergiker:innen unter den Hunden würden, so die Selbstauskunft, von einer Umstellung profitieren. Tierärztliche Praxen, die sich auf Ernährungsmedizin spezialisiert haben — etwa die Klinik für Kleintiere der Justus-Liebig-Universität Gießen oder die ernährungsmedizinische Abteilung der Vetmeduni Wien — sehen die Methode differenziert. Die Pluspunkte werden anerkannt; gleichzeitig wird auf systematische Risiken hingewiesen.

Diese Risiken haben mehrere Dimensionen. Mikrobiologisch werde, so habe die Bundesanstalt für Risikobewertung (BfR) in mehreren Stellungnahmen seit 2018 vermerkt, ein erhöhtes Salmonellen- und Campylobacter-Risiko mitgeführt — sowohl für das Tier als auch für die Halter:innen im Haushalt. Roh-Tierfütterung sei insbesondere in Haushalten mit immunsupprimierten Personen, kleinen Kindern oder Schwangeren mit besonderer Sorgfalt zu praktizieren. Eine vielzitierte Studie des Norwegischen Veterinärinstituts (Hellgren et al., 2019) wies in 31 von 60 BARF-Proben aus skandinavischen Haushalten antibiotikaresistente E.-coli-Stämme nach. Parasitologisch besteht ein Risiko durch Toxoplasmose, Bandwürmer und Sarkozysten, das durch Tiefgefrieren bei mindestens minus 18 Grad für mindestens eine Woche deutlich reduziert, aber nicht eliminiert werden kann.

Ernährungsphysiologisch noch gewichtiger ist die Frage der Bedarfsdeckung. Selbst zusammengestellte BARF-Rationen entsprechen nach Auswertungen des Lehrstuhls für Tierernährung an der Tierärztlichen Hochschule Hannover in der Mehrzahl der Fälle nicht den Bedarfsempfehlungen. Häufige Defizite betreffen Kalzium (bei Fehlen oder Unterdosierung von Knochenanteilen), Jod (bei fehlender Algen- oder Lebertran-Gabe), Vitamin D, Vitamin E sowie Kupfer und Zink. Bei wachsenden Hunden — insbesondere bei großwüchsigen Rassen — können Fehlversorgungen zu schweren Skelettentwicklungsstörungen führen. Erfahrene BARF-Praktiker:innen lassen ihre Rationen daher von spezialisierten Tierärzt:innen oder Ernährungsberater:innen berechnen; entsprechende Beratungen kosten in DACH zwischen 80 und 250 Euro pro Plan und werden zunehmend als Standard empfohlen.

Die Rolle von AAFCO und FEDIAF

Hinter der Industrienahrungsdebatte stehen zwei normsetzende Organisationen, die für den Verbraucher in Deutschland selten sichtbar sind. Die Association of American Feed Control Officials (AAFCO) wurde 1909 in Hartford, Connecticut, gegründet und ist die zentrale Standardisierungsinstanz für Tiernahrung in den USA. Ihre Bedarfswerte für Hunde und Katzen — die berühmten „AAFCO Nutrient Profiles” — werden seit den 1990er Jahren weltweit als Referenz herangezogen. In Europa übernimmt diese Funktion die European Pet Food Industry Federation (FEDIAF), gegründet 1969 mit Sitz in Brüssel. Ihre „Nutritional Guidelines for Complete and Complementary Pet Food for Cats and Dogs” werden in regelmäßigen Abständen aktualisiert; die aktuelle Fassung stammt von 2024 und integriert neue Erkenntnisse zur Aminosäureverfügbarkeit und zur Bioverfügbarkeit pflanzlicher Proteine. Industriell gefertigte Alleinfuttermittel müssen, um nach FEDIAF als „nutritionally complete” gekennzeichnet werden zu dürfen, die Bedarfswerte für rund 40 Nährstoffe einhalten. BARF-Rationen unterliegen dieser Pflicht nicht — was Halter:innen gleichermaßen Freiheit wie Verantwortung zuweise.

In der Praxis hat sich zur Auflösung dieser Spannung ein Hybrid-Markt entwickelt: industriell gefertigte BARF-Komplettmenüs, die nach FEDIAF-Bedarfsempfehlungen ausbalanciert sind und tiefgefroren als Frischmenüs oder gefriergetrocknet als rehydrierbare Rationen verkauft werden. Anbieter wie Bellfor, Tackenberg, Frostfutter Perleberg, Reico, Petman und mehrere regionale Manufakturen bedienen diesen Markt; das Segment „Komplett-BARF” wuchs zwischen 2020 und 2025 nach IVH-Zahlen jährlich um rund zwölf Prozent. Damit hat sich die ursprüngliche Idee Billinghursts, die ein hochgradig individuelles Selbstmach-Konzept war, teilweise in die Industriewelt überführt — eine Wendung, die in der Szene mitunter als Pragmatismus, mitunter als Verrat am Ursprungsgedanken diskutiert werde.

Tierärztliche Praxis zwischen Skepsis und Beratung

Die tierärztliche Berufsverbände in DACH haben sich der BARF-Debatte differenziert genähert. Der Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt) und die Bundestierärztekammer veröffentlichten 2019 ein gemeinsames Positionspapier, das die Methode weder pauschal ablehnt noch befürwortet. Empfohlen wird die professionelle Rationsberechnung, regelmäßige Blutbilder zur Überwachung des Nährstoffstatus und konsequente Hygienepraxis. Die European Society of Veterinary and Comparative Nutrition (ESVCN) bietet seit 2014 eine Spezialisierungsausbildung an, die in DACH von rund 130 Tierärzt:innen abgeschlossen wurde; ihre Praxen sind in den ernährungsmedizinischen Beratungsfeldern stark gefragt.

Insbesondere in der Praxis bei Erkrankungen wie chronischer Nierenerkrankung, Bauchspeicheldrüsenentzündung, Lebererkrankungen, Futtermittelallergien oder Tumorerkrankungen sei die Frage nach der optimalen Fütterung — gleich ob konventionell, BARF oder Mischform — eine medizinische, keine ideologische. Hier setze sich, so die Wahrnehmung in den ernährungsmedizinischen Sprechstunden, eine differenzierte Praxis durch: Manche Hunde profitierten von einer Roh-Ration, andere von einem Spezialdiätfutter, viele von einer ausgewogenen Mischfütterung. Das dogmatische Beharren auf einer einzigen Methode löse sich in der klinischen Praxis zunehmend auf.

Bilanz nach drei Jahrzehnten

Drei Jahrzehnte nach „Give Your Dog A Bone” steht BARF im DACH-Raum als etablierte, wenn auch numerisch kleine Fütterungspraxis. Sie hat die Diskussion um Hunde- und Katzenernährung nachhaltig verändert, hat industrielle Hersteller zu deutlich transparenteren Deklarationen, zu reduzierten Getreideanteilen und zu sogenannten „Cold-Pressed-Futtern” gedrängt und hat eine Generation von Halter:innen für Fütterungsfragen sensibilisiert. Ian Billinghurst, der heute in Bathurst, New South Wales, lebt und weiterhin publiziert, hat damit eine bleibende Wirkung erzielt. Ob die Methode die nächste Marktwelle dominieren wird, sei eine offene Frage. Was sich abzeichnet, ist ein hybrider Markt, in dem die Trennlinien zwischen Roh, Trocken und Nass durchlässiger werden und in dem die Verantwortung für eine bedarfsdeckende Ernährung — gleich welcher Provenienz — bei den Halter:innen verbleibt.


Ressort: Futter